Vernissage am Dienstag, 21. Oktober,
18 Uhr Einführung durch Tobias Peper, Künstlerische Leitung Harburger Kunstverein
Laufzeit: 22. Oktober bis 2. November
Die Krise ist im Jahr 2025 vermutlich ähnlich omnipräsent wie Justin Timberlakes Song „Cry me a River“ im Jahr 2002 im Radio und Musikfernsehen war, dessen Titel Lydia Balke für ihre Ausstellung so wunderbar in das Wortspiel „Crises. Me. A River“ verwandelt hat. „Cry me a River“ selbst ist im Englischen eine sarkastische Redewendung, um den eigenen Mangel an Mitgefühl für das Gegenüber auszudrücken, dessen emotionales Verhalten man als übertrieben und ziemlich unangemessen betrachtet. Die humorvolle Aneignung und Verballhornung, die Lydia mit dem Ausstellungstitel betreibt, lässt schon erahnen, worum es in der Ausstellung nicht geht. Hier entsteht weder ein voyeuristisches Spektakel, bei dem der Schmerz als klischeebehaftete Antriebsfeder der Kunst zelebriert wird, noch sind Lydias Arbeiten Klagelieder über den eigenen Weltschmerz.
Mir hilft es oft, mich darauf zu besinnen, was mit bestimmten Begriffen eigentlich ursprünglich gemeint ist und wo sie herkommen, gerade wenn sie medial so inflationär gebraucht werden wie jener der Krise. Fast alle Wissenschaften kennen und nutzen heute ein Konzept der Krise; die Psychologie ebenso wie die Politikwissenschaft oder die Mathematik. Ursprünglich stammt das Wort im deutschen Sprachgebrauch aus der Medizin und beschreibt den Höhepunkt eines Krankheitsverlaufs, bei dem sich entscheidet, ob eine Genesung eintritt oder nicht. Diese Idee eines Wendepunktes steckt bereits im ursprünglichen griechischen Wort, das mit „Entscheidung“ übersetzt werden kann. Das große Dilemma der Krise ist laut Definition aber, dass die betroffenen Entscheidungsträger:innen in ihren Handlungs- und Problemlösungsfähigkeiten eingeschränkt sind, eben weil sie sich in einer Krise befinden. Die Krise ist wie eine Tragikomödie, in der man zugleich Autor:in und handelnde Figur ist, über deren Ausgang einem aber die Macht entzogen wurde.
Mich erinnern die Figuren in Lydias Bilder manchmal an diesen Zwiespalt zwischen agieren und reagieren, zwischen innerem Erleben und äußerer Wahrnehmung. Sie ziehen sich zurück, verdecken ihr Gesicht, wenden sich ab und doch zeigen sie Haltung, sind sich ihres Bildraumes bewusst, haben eine Agenda darüber, was sie preisgeben. Solch scheinbare Widersprüche ziehen sich fort, wenn in existentiellen Szenerien Spielzeuge auftauchen, die auf den ersten Blick so gar nicht ins Bild passen wollen. Oder wenn Lydia eine grotesk dekorierte Wand malt, an der eine Weihnachtsmannmütze über einer Axt neben einem Kartoffelsack unter einem weiblichen Akt mit kackendem Wolf und Schneemann hängt. Fast jedes Bild enthält humoristische Momente, egal wie trist es zunächst wirken mag. Das erscheint mir eher logische Konsequenz als Widerspruch, zumindest wenn man meinem Vergleich der Krise mit einer Tragikomödie mit offenem Ausgang zustimmt.
Neben aller (unfreiwilliger) Komik, die in einer Krise stecken kann, ist sie aber eben auch die Konsequenz aus einer massiven, lang anhaltenden Funktionsstörung – ein Moment, der schreit, dass es so nicht weitergehen kann und wird, denn aus der Krise gibt es nur zwei Wege. Einer führt in die Katastrophe, der andere zur Konfliktlösung. Es ist nur schwer zu beschreiben oder gar zu vermitteln, wie sich eine Krise wirklich anfühlt mit all ihren komplexen Widersprüchen und grundlegenden Erschütterungen, Einschränkungen und Verletzungen. Lydias Malereien schaffen diese Annäherung viel besser als Sprache, die mit grammatischer Logik und definierten Begriffen hantiert. Kunst hingegen kann den Spagat zwischen Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigkeit, Realität und Surrealität, zwischen Justin Timberlake und Lydia Balke.
Tobias Peper
Fotos Fred Dott
Die 1987 in Dresden geborene Künstlerin Lydia Balke zeigt in ihrer ersten Solo-Ausstellung sowohl Malereien der letzten zehn Jahre als auch neue und bisher noch nicht gezeigte Arbeiten.
Lydia Balke studierte Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg und schloss den Studiengang 2015 mit dem Master of Fine Arts ab. Die Künstlerin erhielt in den letzten Jahren mehrere Auszeichnungen, darunter ein Arbeitsstipendium der Kunststiftung Sachsen-Anhalt sowie den Förderpreis der Darmstädter Sezession.
Wichtige Ausstellungsbeteiligungen der letzten Jahre waren "Jetzt! Junge Malerei in Deutschland" die in den Deichtorhallen Hamburg, Kunstmuseum Bonn, Kunstsammlung Chemnitz und dem Museum Wiesbaden zu sehen war, sowie die Ausstellung „9 Positionen der Jungen Malerei“ im Landesmuseum Detmold.
Weitere Arbeiten:
